TL;DR

Wir leben in einer Gesellschaft und in einer Arbeitswelt, in der Stärke und Perfektionismuss, das “Funktionieren”, belohnt wird. Die Menschlichkeit fehlt dabei völlig. Krankheit, Depression, Unsicherheit muss versteckt werden, um den Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Das muss aufhören. Deshalb erzähle ich von meiner Depression und hoffe Menschen Mut zu machen und ganz vielleicht trägt es ja auch etwas positives bei.

Vor Wochen erzählte mir Nina etwas, dass mich zum Verfassen dieses Blogeintrags brachte. Sie erzählte mir Folgendes:
1998 erregte der damalige norwegische Ministerpräsident Kjell Magne Bondevik dadurch internationale Aufmerksamkeit, dass er zugab, an Depressionen zu leiden (ein nettes Interview dazu gibt es auf der Seite der WHO unter http://www.who.int/bulletin/volumes/89/12/11–041211/en/). Wenn es ein Ministerpräsident schafft, öffentlich über seine Krankheit zu reden, wieso dann nicht auch ich? Wieso nicht viele andere Menschen? Und aus genau diesem Grund möchte ich ein wenig über mich und “meine Depression” schreiben.

Ich

2008 schmiss ich nach 8 Semestern mein Studium in Tübingen und begann, an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Stuttgart “angewandte Informatik” zu studieren. Während meines dualen Studiums arbeitete ich mit einem Ausbildungsvertrag bei einer kleinen Softwareentwicklungsfirma und begann Ende 2009 mich für die Entwicklung von Apps für “mobile Devices” zu interessieren und hielt dann im Juni 2010 auf dem Java Forum Stuttgart meinen ersten öffentlichen Talk (über Softwareentwicklung für Android, zusammen mit Moritz Haarmann). 2011 schloss ich mein Studium mit dem B.Sc. ab, arbeitete 1 Jahr weiter bei meinem “Ausbildungsbetrieb”, wechselte 2012 zu den Codenauts und mache da seit 2 Jahren Apps für internationale Medienunternehmen (und verdiene gut). Auf den ersten Talk 2010 folgten weitere, mittlerweile über 20 verschiedene auf kleinen und großen Konferenzen. Ich habe ein paar Berichte für Heise verfasst, durfte auch schon einen Artikel für die T3N verfassen, habe bei der Leitung der GTUG Stuttgart (heute GDG Stuttgart) mitgewirkt und 2 Android-Barcamps mitorganisiert (2010 und 2011, 2011 mit über 300 Teilnehmern). Ich bin Mitorganisator der “Mobile Maultaschen”, einem monatlichen Treffen von Softwareentickler_innen und überhaupt klingt das alles sehr erfolgreich.
Was niemand weiß ist, dass es “nebenbei” in mir drinnen ganz anders aussah. Mein “mal eben” abgebrochenes Studium lies mich nicht mehr los, ich hatte alte und neue Probleme und irgendwann war das einfach alles zu viel.

Ich war von 2009 bis 2011 in psychotherapeutischer Behandlung und habe versucht mir das Leben zu nehmen.

Es schaudert mich das so zu schreiben, aber auch das gehört zu mir. Ich hatte Glück. Ich hatte einen tollen Therapeuten und Nina hat mir das Leben gerettet. Sie riet mir damals, meinem Arbeitgeber reinen Wein einzuschenken, denn schließlich musste ich jeden Mittwoch um 16.30 Uhr bei meinem Therapeuten sein. Ich habe den Rat befolgt und bin sehr froh darüber. Meinem alten Arbeitgeber (aformatik Training & Consulting in Sindelfingen) gebührt für die Offenheit und das Vertrauen mir gegenüber großen Respekt – sie nahmen einfach zur Kenntnis, dass ich mittwochs eben zur Therapie gehe und das war’s dann auch, ich wurde nie danach gefragt, außer von Kollegen, die sich um mich sorgten und mit denen ich teilweise heute noch befreundet bin.
Was von dieser Zeit bis heute blieb, sind 3 Dinge:
1. ich kann keine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, da ich die “Gesundheitsprüfung” nicht bestehe. Ich muss erst ein paar Jahre “psychisch gesund” sein, damit die mich aufnehmen. Ich habe eine alternative Lösung gefunden und kenne mich deshalb relativ gut aus mit diesem ganzen Berufsunfähigkeitsversicherungs-Kram.
2. Manche Freundschaften sind daran kaputt gegangen, weil ich mich jahrelang nicht mehr gemeldet habe und manch eine, die noch besteht, leidet darunter bis heute.
3. Mein “normal” ist nicht normal

Es wird nie sein wie vorher (zum Glück!!!)

Ich werde nie wieder so sein wie davor, und auch die wenigsten Menschen, die einmal eine so wolkige, stürmische Zeit durchlebt und überlebt haben, werden wieder so sein wie davor. Vielleicht gibt es die, die einen Punkt machen und die nicht sensibler oder emotionaler oder anfälliger sind als vorher. Ich gehörte nur jedenfalls nicht dazu.

Ich bin manchmal anfälliger für Stress, ich habe Tage oder auch mal 2–3, an denen ich depressiv bin (das kommt in der Regel alle paar Monate vor), an denen ich alle Kraft brauche um mir klar zu machen, dass das hier eine schöne Welt ist, in der es Positives gibt. Ich habe Mittel und Wege gefunden damit umzugehen, mit mir umzugehen und mich dabei auch noch zu mögen. Trotzdem sitze ich manchmal auf meiner Couch und ich bin 2 cm groß mit Hut, in mir ist es dunkel und alles stürzt ein. Ich zünde mir dann eine Kerze an, weine, rede, meditiere, und dann geht es vorbei und die Sonne scheint wieder.
Manchmal leidet meine Arbeit, meine Beziehung, mein Umfeld. Es ist echt hart, dieser “erfolgreiche” Softwareentwickler zu sein, der Freunde hat, eine Beziehung hat und Kontakt zu seiner Familie hält und 2–3 Mal im Jahr vor 20 bis 200 Menschen einen Talk auf einer Konferenz hält. Nur es sieht keiner.

Letzten Endes kann ich das alles nur deshalb, weil ich 2010 ein soziales Netz hatte, weil ich einen Arbeitgeber hatte, der es mir ermöglicht hat, ohne Probleme 1x pro Woche um 15 Uhr zu gehen und meine Therapiestunde zu besuchen. Weil ich heute mit Menschen arbeite, bei denen das Menschsein zählt und dass ich sagen kann “ich gehe jetzt heim, mir geht’s nicht gut” und dann im Ernstfall auch einfach gehe. Menschen, die mich fragen, wie es mir geht und bei denen ich dann ehrlich sein darf und soll. Menschen, die mich, wenn sie sehen, dass es mir nicht gut geht, ansprechen und fragen und manchmal hilft das mehr als alles andere. Und weil Nina das alles mitgemacht hat, half und hilft, und einfach da ist.
Ich schätze mich bei all dem sehr glücklich.
Viele können nicht arbeiten, weil ihre Wolken und Dämonen zu stark und zu dicht sind. Weil niemand mit einer Umarmung, einem lieben Wort oder einer Kerze vorbeikommt. Dabei sind wir so viele. So viele erfolgreiche, perfekte Menschen laufen dort draußen rum, machen ihre Jobs, leben, arbeiten, lieben und machen für sich alleine im Zimmer ihre Achtsamkeitsübungen, um am nächsten Tag fähig zu sein, zur Arbeit zu gehen, unter Menschen zu sein, vor die Türe gehen zu können oder sich selbst zu mögen.
Es ist verdammt einsam so.
Und ich habe da keine Lust mehr drauf, dass alle denken, ich sei “perfekt” und “glücklich” und “erfolgreich”. Ich bin perfekt, glücklich und erfolgreich. Ich bin aber auch klein, sehr selbstkritisch, unsicher und manchmal auch depressiv. Und ich muss mich immer wieder meiner Dämonen und Regenwolken annehmen. Das ist normal für mich. Und vielen Menschen geht es so. Also lassen wir doch einfach mal den Mist mit unseren hochglanzpolierten Porzellanmasken und zeigen uns UNS, damit wir uns sehen können! Es würde die Welt zu einem wärmeren, menschlicheren Ort machen. Und gerade in der Arbeitswelt fehlt es an beidem.

Ich freue mich über Feedback, wenn ihr das hier weitersagt und wünsche euch alles Liebe.
Benny

PS: Wenn hier jemand ließt, die_der Hilfe braucht, wendet euch unbedingt und ohne Zögern an die bundesweite Telefonseelsorge oder eine Niederlassung des “Arbeitskreis Leben e.V.”. Unter http://www.depressionen-depression.net/notfaelle/notfallnummern.htm findet sich eine Liste mit Anlaufstellen für Betroffene und/oder Angehörige.