[E]lektroJung[E]

Digitales Tagebuch / 2004 - ?

Monat: Dezember 2014

Ein Weihnachtsbrief

Lieber Max Mustermann (Name von mir geändert),

Wir haben uns gestern gemäß unserer Familientradition einen halbjährlichen politischen Schlagabtausch geliefert, der mich seither nicht wieder losläßt. Im Grunde könnte ich ihn in einem Satz zusammenfassen: Du hast die PEGIDA und ich habe damit ein echtes Problem. Wir redeten und stritten fast 2 Stunden darüber, während denen du immer lauter wurdest und ich gleichbleibend, aber unnachgiebig Fragen stellte, dir widersprach und dich letztendlich mit einem etwas ungelenken Hinweis auf Hitler und das dritte Reich dazu brachte, dich beleidigt zurückzuziehen. Gewonnen habe ich dadurch nichts. Im Gegenteil habe ich dadurch meine Chancen, mich mit dir über dieses Thema zu unterhalten, verringert.
Ich weiß, dass du gern und viel liest, und vielleicht liest du ja diesen Brief – ich werde ihn dir zumindest zuschicken.

Es war schwierig sich mit dir zu streiten, da du für Fakten und Zahlen kaum zugänglich warst. Du wurdest lauter, wütender und je länger wir diskutierten, desto wirrer und sprunghafter wurde deine Argumentation. Ich habe viel nachgedacht und möchte versuchen deine Aussagen etwas zu ordnen.

Wie geht es dir also, der, der du die PEGIDA hast?

  • Du bist frustriert. Du hast Jahre lang 30% deines Gehalts an unseren Staat bezahlt. Jetzt, da du in Rente bist, verfügst du über weniger Einkommen als früher. Das fühlt sich sicher ungerecht an. Die Malocherei, die du auf dich genommen hast, hat sich für dich nicht gelohnt. Du hast nichts davon zurückbekommen, außer einen Tritt in den Allerwertesten.
  • Du bist wütend auf die Politikmenschen. Du siehst dich nicht repräsentiert, deine Steuergelder wurden verschwendet und für teuere Dinge, die diese “Menschen ohne Bezug zur Realität” beschließen, ausgegeben.
  • Du bist wütend, weil die Politikmenschen nur am Erhalt ihrer Macht interessiert sind.
  • Du bist wütend auf die Menschheit. Nach tausenden Jahren voller kluger Köpfe, Kriege und Tod müssten wir es ja alle besser wissen. Aber der Mensch weiß es, so sagst du, nicht besser, es ginge ihm nur um Macht. Es wäre nur konsequent, dass der Mensch sich selbst vernichtet, der Erde ginge es besser.
  • Du bist ängstlich. Du hast Angst um deine Existenz. Als du gearbeitet hast, war es nie genug Geld, das du verdient hast, und jetzt ist es noch mehr so, wo du Rente beziehst.
  • Du bist wütend auf andere EU-Länder. Hier in Deutschland fehlt es an Geld für Bildung, Arbeit und Infrastruktur, während wirtschaftsschwache Länger wie Griechenland oder verbrecherische Banken “hochgepäppelt” werden, und ein nach paar Wochen/Tagen aufgeregter Schlagzeilen in der Tagespresse hört man nichts weiter darüber.
  • Du bist wütend auf die USA, die “ihre Wirtschaft mit Kriegen am Leben erhalten”, die den nahen und fernen Osten mit Kriegen überziehen und “wir Deutschen” dürfen es mit ausbaden.
  • Du bist wütend über die Presse, die nicht umfassend, kritisch genug und langanhaltend über Geschehnisse berichtet. Außerdem stellt sie die PEGIDA einseitig da. Überhaupt ist die Presse ohnehin nur an Schlagzeilen interessiert. Und daran, mit dem Finger auf einfache Menschen zu zeigen, deren Sorgen verständlich sind.
  • Du bist ängstlich, weil du Menschen auf der Straße mit anderer Hautfarbe, Kleidung oder Religion siehst.
  • Du bist ängstlich, weil diese Menschen andere, manchmal auch offensichtlich falsche Werte (dein Lieblingsbeispiel ist die Zwangsheirat) vertreten.
  • Du fühlst dich angegriffen von Menschen mit anderer Hautfarbe, Religion oder Kleidung. Sie sagen dir damit, dass du etwas falsch machst, sie grenzen sich von dir ab.

Vielleicht habe ich 1–2 Dinge hier in der Liste vergessen, aber ich denke, 80% habe ich abgedeckt. Dein Problem lässt sich im Grunde folgendermaßen zusammenfassen:

Du bist frustriert, ängstlich und wütend.

Du bist mehr Gefühl als Ratio, und das macht es schwer dich mit Zahlen, Fakten und Argumenten zu erreichen. Leider bist du kein kleines Kind, dass nach 10 Minuten auf der stillen Treppe von mir in den Arm genommen wird, und mit ein bisschen Liebe ist dann alles wieder gut.

Du vermischst gute Ideen mit nationalistischen, menschenverachtenden Parolen, wie: “Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen müssen von uns aufgenommen werden.” Und: “Statt diese ganzen Wirtschaftsflüchtlingen für viel Geld zuerst draußen zu halten um sie hier dann teuer auszuhalten, sollten wir die gleich rauswerfen”. Du sagst, dass du “fremdenfeindlich bist, weil das in der Natur des Menschen liegt, vor dem Fremden Angst zu haben” und sagst “die wollen sich doch garnicht integrieren”.

Du hast wirklich ein paar gute Ideen. Leider gehen die in deiner Angst, deiner Wut und deinem Frust völlig unter. Und leider behagen dir meine Alternativen grundsätzlich nicht. Als ich dir vorschlug, dass wir doch alle Grenzen für alle öffnen sollten, das würde auch Geld sparen, dass wir hier für Integration ausgeben können, wusstest du garnicht, was du sagen sollst.
Vielleicht diskutierst du zuviel unter deinesgleichen, Mittelschichtsmenschen voller Wut, Frust und Angst um ihr Lieblingsspielzeug.
Vielleicht hast du zu wenig von der Welt gesehen, warst noch nie in einem Land, in dem du kein Wort der dort gesprochenen Sprache verstehst.
Vielleicht…

Ich sehe dich, deine Wut, deine Angst, deinen Frust, und in mir passiert folgendes:

  • Ich habe Angst davor, dass es irgendwann okay ist, menschenverachtende, menschenfeindliche Meinungen zu äußern, ohne, dass Mensch selbst es merkt.
  • Ich habe Angst davor, dass wir gerade den Nährboden für einen zweiten, wenn vielleicht auch nicht ganz so schlimmen Hitler/Rassismusstaat/… bereiten.
  • Ich bin frustriert, weil ich mit einem Menschen, den ich liebe, der aus der gut ausgebildeten Mittelschicht kommt, über Fremdenfreundlichkeit und Menschenfreundlichkeit und Offenheit diskutiere, statt mich der besinnlichen Weihnachtszeit zu erfreuen (das tu ich natürlich trotzdem, aber naja…).
  • Ich bin frustriert, dass ich es in meinem Umfeld nicht vermitteln kann, dass Offenheit, Toleranz und vorbehaltlose Freundlichkeit besser ist, als sich dem negativen, destruktiven und nationalistischen/fremdenfeindlichen Kram hinzugeben.
  • Ich bin wütend auf die Politikmenschen, die jetzt, wo es nicht ignoriert werden kann, entweder die Flagge der Toleranz hissen, oder sich PEGIDA anbiedern, weil es eben dem Machterhalt dient, um morgen wieder der nächsten Sau hinterherzurennen, die durch’s Dorf getrieben wird.
  • Ich bin wütend auf die Presse, die heute entweder nur den hohen Auflagen hinterherrennt und sich dem bedient, was die Leute kaufen lässt, ohne Rücksicht auf Verluste (hallo Bild!), oder, die sich ohnehin nur in der “Anti-PEGIDA”-Fraktion Welt bewegt und wenig anderes tut als Bloßstellen.
  • Abgesehen davon, bin ich auch manchmal ängstlich, was die Zukunft bringen wird, Existenssorgen und -ängste kenne ich ebenso und wofür ich nun 30% meines Gehalts abgebe weiß ich auch nicht immer.
  • Ich halte die Menschheit in Teilen für bösartig und glaube auch, dass die Welt möglicherweise ohne uns besser dran wäre.

Und manchmal, da möchte ich dich, Max Mustermann, am liebsten so richtig anschreien, vermöbeln, dich an den Haaren nach Rumänien zerren, damit du siehst, wieso Menschen dort fliehen, dich in die Lager für Einwanderermenschen schleifen, damit du siehst, wie sie dort zusammengepfercht leben müssen und manchmal, da würde ich dich am Liebsten selbst Abschieben, irgendwohin, nach Nordafrika, in die Wüste, damit du dort versuchen kannst, die Situation dort besser zu machen.
Aber dieses Gefühl ist menschenverachtend, menschenfeindlich, inhuman, unchristlich, unmoslemisch, unbuddhistisch, unhinduistisch, un…
Stattdessen bleibe ich hier, standhaft und freundlich, und bringe alle Empathie, die mir gegeben ist ein, damit sich vielleicht ein kleines, kleines bisschen etwas bewegt.
Ich könnte dich, Max Mustermann ignorieren, aber dann würde ich tatenlos zusehen.
Ich möchte nicht, dass wir jedes Mal, wenn wir eine Flasche Rotwein trinken, dass wir uns deshalb schlecht fühlen, weil 90%(?) der Menschen dieser Erde nicht einmal die Möglichkeit haben eine Rotwein zu trinken. Aber wir könnten dankbar und  ruhig etwas bescheidener sein. Im Englischen gibt es das Wort „humble“, das so etwas wie bodenständig, bescheiden, geradlinig und einfach bedeutet. Das würde uns etwas besser stehen. Ich möchte auch nicht, dass an Weihnachten der Muezzin in der Kirche ruft – sorry, ich kann mir das Lachen jetzt nicht verkneifen, wie absurd ist das denn bitte?! – aber wer vom Verfall der christlichen Werte und Kultur spricht sollte statt mit dem Finger auf „den Türken“ zu zeigen, lieber die Kirche und das Christentum fragen, wieso sich weniger Menschen mit seinen Werten identifizieren können.

Vielleicht klinge ich jetzt wütend, doch in Wahrheit bin ich traurig. Ich bin traurig, weil du und ich ähnliche Gefühle haben und zu so unterschiedlichen Schlüssen kommen.
Zu Weihnachten wünsche ich mir, dass wir 2015 gemeinsam daran etwas ändern.

In Liebe
Benjamin

Weihnachtsnebel

Es wird noch einen richtigen Jahresrückblickspost geben, dennoch wird jetzt, so kurz vor Weihnachten die Welt um mich leicht surreal. EinkaufsjüngerInnen pilgern zu Primark in die Shoppingtempel. Glühwein unter freiem, regnerischem Himmel. irgendwas-Abschiedsessen in Restaurants. Unser Büro ist nun woanders. Wir haben eine Rezeption. Ich beantworte Mails mit Tips für Hotels in Stuttgart für meine amerikanischen Kollegen. Man wünscht sich schöne Festtage, hofft auf einen guten Rutsch.

Und ich sitze in einem halb leeren Wohnzimmer, zünde Räucherstäbchen an und fahre über die Feiertage zu meinen Eltern.
Ich schlage Einladungen aus – Schlittschuhlaufen, Kino, Feiern gehen.
Ich sitze nicht unter einem Stein, bin in keiner Höhle, doch ganz da bin ich nicht. Dafür ist klar, wo der Lebensmittelpunkt ist: hier. Herrenberg. Zumindest bis zum Sommer. Um mich ist alles wie in Nebel, ich habe mich und mein Herz, mein Sein in Watte verpackt. Es ist manchmal einsam, ziemlich oft, wenn ich ehrlich bin. Kein Zustand für immer?! Für den Moment jedoch genau das, was ich will.

Der Moment…

…wenn du leer im leergeräumten Wohnzimmer stehst, nur 2 Teelichter Licht den Raum erleuchten und es ganz still ist. Du möchtest ein Räucherstäbchen anzünden, kruschtelst in dem Haufen auf dem Boden nach der blauen Packung Nagchampa und zündest sie an einem der Teelichter an. Die blaue Packung ist eine Wunderkerzenpackung und du hast es nicht bemerkt. Die Funken sprühen und draußen ertönt das Carillon und spielt Freude schöner Götterfunken. Du lachst – Tragikomik.

Scherbenhaufen

Der Regen trommelt an die Fenster, draußen tropft er in die Regentonne. An und in mir regnet es auch. Der Schweinswal ist fort.

Auf dem Weg

Die letzten Tage befinde ich mich wieder mal unterwegs. Irgendwie scheint die zweite Hälfte des Jahres wirklich unter dem Motto On The Road zu stehen. Ich hatte bisher außer Urlauben und einem Konferenz-/Tech-Event hier und da nicht die Situation regelmäßig, beinahe wöchentlich zu reisen. Seit September jedoch bin ich doch so viel unterwegs, dass ich langsam den Überblick verliere und durch die 3 Monate in Zügen, Flugzeugen, Autos und fremden Betten den Heimatsbezug etwas verloren zu haben scheine. Ich möchte gar nicht wissen, wie es sich für Menschen anfühlt, dauerhaft über Jahre hin so aus dem Koffer zu leben. Mit mir macht es jedenfalls nichts Gutes. Ich fühle mich selbst, wenn ich die anderen Veränderungen verdränge (geht das überhaupt?) oder außen vor lasse, schon nicht sehr wohl und sicher.
Wo mein Zuhause ist? Herrenberg, irgendwie. Gießen, ein bisschen. So richtig: nirgendwo.

PS: Hier mal eine Liste (jeder Trip ist zwischen 2 und 5 Tage lang gewesen):

Ende August: Berlin
Anfang September: Berlin
Dazwischen: Wochenenden in Gießen
Anfang Oktober: USA und Kanada (8 Tage)
Dazwischen: Wochenende in Gießen
Ende Oktober: Berlin
Dazwischen: Wochenende in Gießen
Ende November: Berlin
Dazwischen: Wochenende in Gießen
Anfang Dezember: USA

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